Vom Ende der Fastenzeit oder „Austria First!“

Ostern ist vorbei! Mit dem heutigen Tage beginnt hier in Österreich die schrittweise Lockerung der staatlich verordneten Maßnahmen im Zuge der „Corona-Krise“. Wir dürfen raus. Und endlich wieder rein, uns ungezügeltem Konsumrausch hingeben, den wir wochenlang schmerzlich missen mussten. Offiziell genehmigte Ansammlungen von vermummten Bürgern dieses Landes, das nenn ich mal eine Innovation.

Es war eine Vollbremsung, darüber sind wir uns alle einig. Ein weltweiter, in vielen Regionen noch andauernder, Milliarden schwerer Shot-Down gesamter Industrien, kapitalistischer Konsumtempeln, sozialem Leben und Bindungen, mit tausenden von Toten und unzähligen Hinterbliebenen. Es tat weh, und tut es immer noch. Aber ein Staat muss funktionieren. Und ein Staat ist auch ein wirtschaftliches Unternehmen. Kein Unternehmen der Welt funktioniert allein nur durch das Ausgeben von Geldern. Irgendwann müssen auch wieder Gelder in das Unternehmen fließen.

Ich war überrascht, in den vergangenen Wochen. Noch nie hatte es solch eine Welle und Vielfalt an regionalen Produkten in Österreich in dieser geballten Form gegeben. Im Zuge der in Misskredit geratenen Globalisierung fanden sich plötzlich nicht mehr Braeburn Äpfel aus Südtirol sondern tatsächlich aus heimischen Regionen in den Regalen der Supermärkte, ja sogar von Urlaub im eigenen Land war plötzlich die Rede. Chapeau! Selbst in der all abendlich über unsere Bildschirme flimmernden Werbung reagierte man in Windeseile mit Danksagungen an die Verbraucher für das verstärke Kaufen von regionalen Produkten.

Meine, schon seit Jahren geforderte Postion, wurde tatsächlich plötzlich zum Mainstream. Gebt dem Konsumenten regionale Produkte, und sie werden die Produkte auch kaufen. Verstärkt das Angebot an nachvollziehbar nachhaltigen Erzeugnissen und stärkt mit diesen ehrlichen Produkten die heimische Wirtschaft. Nein, ich bin kein Influencer. Ich bin Koch, Küchenchef, Einkäufer. Ich arbeite tagtäglich mit Produkten. Und eben diese Erfahrung macht mich und meine Überzeugung authentisch.

Aber ich bin auch Realist. Und ich weiß, das mit dem Hochfahren der Wirtschaft auch wieder die Globalisierung fortschreiten wird, ganz gleich wieviel Tote es noch geben wird, welche Freiheiten wir weiterhin schmerzlich vermissen werden, welchem Verzicht wir uns noch hingeben müssen. Jahrzehnte lang aufgebaute, weltweite wirtschaftliche Verflechtungen wird auch kein Virus, und sei er noch so effektiv, auflösen können.

Wir werden nun schrittweise immunisiert, gegen eine Pandemie, die wir als die größte, in diesem Jahrhundert da gewesene Bedrohung ansehen. Und wir hatten die vielleicht einmalige Chance, einer wesentlich größeren und mächtigeren Bedrohung als diesem mikroskopisch kleinen Winzling Einhalt zu bieten. In wie weit uns diese, für die Entwicklung unseres Landes weitaus wichtigere Immunisierung gelungen ist, wird sich in der Zukunft zeigen.

Feinster Himbeer Essig von Bettina Lenz, www.trueffel.at

Chroniken: Tagebuch einer Quarantäne, Teil 7

Ich hab die Sommerzeit verpennt. Man glaubt es kaum aber meine, in der unfreiwillig aber konsequent durchgehaltenen Quarantäne, freiwillig gewählte, zeitweilige Abstinenz von Fernsehen, Rundfunk und soziale Netzwerken hat tatsächlich Konsequenzen nach sich gezogen. Nicht das es mich ernsthaft besorgt hätte, aber es war schon ein seltsames Gefühl am Sonntag nicht gerade „up to Date“ zu sein.

Langsam beginne ich zu realisieren, die Uhren gehen anders, auch meine eigene, innere Uhr. Ich löse mich ab von den starr eingefahren Abläufen. Wer sagt mir in Zeiten wie diesen, wann ich aufzustehen habe, wann zu frühstücken, wann es ist Zeit zu arbeiten, wann zu kochen, produzieren, fotografieren, wann sich schlafen zu legen?

Heute, Montag, war der erste Tag seit dieser Isolation, in der ich begann meinen eigenen, ganz individuellen Rhythmus zu finden. Ein Rhythmus, der mich motiviert, der mich „schaffen“ lässt. Nichts spektakuläres, umwerfendes, ganz einfach nur wieder die Lust weckt an dem was ich kann, was ich will. Mich interessieren nicht temporäre, finanzielle Defizite, Schwarzmalerei, Unvernunft, oder gar Todessehnsucht wie bei manchen Zeitgenossen. Ich habe, bedingt durch das vorzeitige Saisonende in der Position eines Küchenchefs, etwas weniger als 4000.- Euro verloren, eine Geschäftsbeziehung entschuldigte sich zudem, das Sie Ihren Auftrag von 2000.- Euro stornieren müsse, was Ihr eh schon peinlich genug war. Und jetzt?

Ribeyesteak, Schwammerl, Speck und Rösterdäpfel

Heut geh ich einkaufen. Und ich gehe auch wieder einkaufen um produzieren zu können, nicht nur um Grundbedürfnisse zu stillen. Von einem zum anderen Geschäft bin ich unterwegs, bis ich genau die Produkte in der Qualität und Herkunft gefunden habe, die ich haben will für meine Arbeit. Ich bin hier bekannt, die Händler wissen das ich in meiner Wahl oft recht kritisch bin. Aber Sie wissen auch, das ich besonders bei Lebensmittel kein Sparfuchs bin. Und ich bin mir sicher, nur wer in Zeiten wie diesen positiv denkt, mit sich selber im Reinen ist, der wird auch bei der Auswahl seiner Lebensmittel weiterhin den Weg der Qualität beschreiten, vielleicht jetzt sogar noch bewusster als sonst üblich.

Eine liebgewonnene Freundin und Restaurantbesitzerin in Wien bietet jetzt auch ihre Signature Drinks ausser Haus an. Ich mag diese Kreativität ich bewundere sie sogar, die unsere Zeit in den Menschen weckt. Wäre es nicht schön, wenn diese Form der Dienstleistung nicht nur in Zeiten angeboten wird, in denen es uns nicht so gut geht? Wäre es nicht eine Bereicherung für uns alle, wieder mehr und mehr auf die Wünsche und Bedürfnisse unserer Mitmenschen einzugehen, zu zuhören, anstatt uns tagtäglich Bedürfnisse einreden zu lassen, die wir in Wirklichkeit gar nicht haben? Vielleicht wäre es ja mal in Zeiten wie diesen einen Gedanken wert, jegliche Werbung in allen Medien auszusetzen. Dann würden wir uns vielleicht auf das besinnen, was wirklich wichtig und menschlich ist…

Mit freundlicher Genehmigung von meiner liebgewonenen Freundin in Wien, Nadine, vom Restaurant Split in Wien: Ausserhaus Signature Drinks

Ich bin noch nicht wirklich sicher, ob ich diese Serie „Tagebuch einer Quarantäne“ weiterführe, oder zum „Alltag“ zurückkehren soll. Diese Krise hat viele Missstände offen gelegt, uns die weitreichenden Folgen der Globalisierung schmerzhaft vor Augen geführt, den Ruf nach Regionalität immer lauter werden lassen. Nicht nur die Regionalität im Bereich der Lebensmittel, auch in der Produktion der alltäglichsten Güter. Diese Krise wird uns noch viel mehr Geld kosten, als wir es bis dato abschätzen können, aber vielleicht, wer weiß, sind wir alle nach dieser Krise ein klein wenig unabhängiger und selbstständiger…

Chroniken: Tagebuch einer Quarantäne, Teil 6

Geht es euch auch so, wie geht’s euch eigentlich? Ich habe mich nun nach einem recht geruhsamen Wochenende dazu entschieden, Fernseher und Radio erstmal in das einstweilige Corona-Koma zu versetzten, ich brauch mal ne Pause… aber da hatte ich wohl die Rechnung ohne Puls24 gemacht. Erreichbar bin ich ja eigentlich immer. Ich bin der, der alles über iMac, iPad und iPhone synchron laufen lässt. Ganz gleich ob Anruf, SMS, Skype, WhatsApp, Facebook, Facebook Messenger, Twitter oder Instagram, ich bin im SocialNetwork mehr als ausreichend eingebunden…

In Zeiten wie diesen hat dies aber auch seine Vorteile… man ist nie allein, und irgendwie ist es ja auch ziemlich „up to date“ derzeit, wenn man seine sozialen Kontakte nur noch online via Messenger oder Video pflegt. Auch der österreichische Nachrichtensender Puls24 hat diese Kontaktmöglichkeit am Dienstag, den 24.März 2020 genutzt, ist in Facebook auf meinen Blog aufmerksam geworden, und lud mich ein, in ihrem Sender live ein Interview mit mir zu machen.

Habt ihr irgendeine Vorstellung davon, was einem in diesem Moment durch den Kopf schiesst? Da kannst du noch so erwachsen mit beiden Beinen fest am Boden stehend mit allen Wassern gewaschen sein, LIVE, das ist eine ganz andere Nummer. Um 11.28 Uhr erreichte mich die Nachricht über meinen Blog in Facebook von Magdalena Punz, Redakteurin bei Puls24. Und ja, ich brauchte allen ernstes 20 Minuten über diese Anfrage erst einmal nachzudenken. Und natürlich hab ich auch Freunde, online versteht sich, um Rat gefragt. Ja, tut mir leid, ich bin keiner von diesen, die jede, aber auch wirklich jede Gelegenheit schamlos ausnutzen, nur um FAME zu werden. Ich hinterließ also Frau Punz meine Rufnummer, kaum abgeschickt, kam schon der Anruf.

Wir sprachen recht ausführlich, Frau Magdalena Punz verstand es wirklich recht gut Vertrauen aufzubauen. Fakt ist, um 17.00 Uhr ging das ganze live über den Sender. Ob’s gut war? Weiß ich nicht, bzw. kann ich nicht beurteilen:

Das Video in voller Länge gibt es hier zu sehen

Am nächsten Tag schickte mir Frau Punz noch wie zuvor versprochen den Link zur Sendung. Das Video war zwischenzeitlich vom Sender online gestellt. Ich kann euch versichern, es ist eine Erfahrung, die ich um keinen Preis missen möchte. Das Einzige, was mich ein wenig bedrückt, ist die Tatsache, das ausgerechnet solch widrige Umstände, wie sie derzeit auf Grund einer Weltpandemie herrschen, dazu führen, so etwas erleben zu dürfen.

Fortsetzung folgt…

Home Food Made In Austria

Chroniken: Tagebuch einer Quarantäne, Teil 5

So, meine lieben Leser, Follower, Freunde, Kollegen, Geschäftsfreunde, nun bin ich also definitiv in der Quarantäne angekommen. 24 Stunden brav zuhause bleiben, 14 Tage lang. Und das werde ich auch durchziehen, wegen mir, wegen meinen Mitmenschen, und natürlich auch weil es von staatlicher Seite her angeordnet wurde. Denn was sind 14 Tage gemessen an der ganzen Lebenszeit eines Menschen, wenn man durch dieses Verhalten Leben schützen, retten kann?!

Mittwoch, der 18.März 2020. Susi, mein Saugroboter saust seit heute morgen 09.00 Uhr fleissig durch mein Apartment. Manchmal muckt sie ein wenig, fängt sich aber wieder schnell ein und arbeitet sich unermüdlich durch die 70qm. Ich mutiere zum Hausmann. Aufstehen, Kaffee, Bett ordentlich richten, Morgentoilette, Wäsche waschen, Abwasch verräumen, Staub wischen, Wäsche trocknen. Bei einem Blogger muss immer alles ordentlich und im optischen Gleichgewicht sein, so denke ich. Und gleichzeitig bewundere ich viele meiner Freunde und Bekannten, die jetzt aus der Langeweile heraus irgendwelche Spaßvideos online stellen, in denen sie sich mal so zeigen, wie sie privat zuhause sind: T-Shirt, Shorts und Badeschlapfen, zum Beispiel.

Ich liebe Kaffee, besonders am Morgen, wenn der Duft frischen Kaffees die ganze Wohnung erfüllt. Es verschafft mir ein Gefühl, trotz der widrigen Umstände, von Wohlbefinden und Geborgenheit. Es gab mal eine nicht allzu weit zurückliegende Zeit, da hatte ich aus gesundheitlichen Gründen gänzlich auf diesen Genuss verzichtet. Und zu diesem Zeitpunkt hörte ich auch mit dem Rauchen auf. Mein Herz hatte laut medizinischen Untersuchungen noch eine Leistung von circa 25 Prozent. Ich hatte wohl, so hart wie ich manchmal mit mir selber umgehe, 2012 einen nicht bemerkten Herzinfarkt oder eine verschleppte Lungenentzündung. So genau liess sich das im Nachhinein nicht mehr recherchieren. Das ist nun auch schon wieder 4 Jahre her.

Und doch wird mir trotz Genesung sehr schnell bewusst, das ich auf Grund dieser Vorerkrankung zur einer Risikogruppe in Zeiten von Covid-19 zähle. Aber es geht mir gut, echt gut. Keine Beschwerden, kein Husten, keine Halsschmerzen, keine erhöhte Temperatur, kein Schnupfen, nur ein kleines bisschen zu wenig „Auslauf“. Vom oft zitierten „Lagerkoller“ jedoch bin ich wohl noch weit, weit entfernt.

Donnerstag, der 19.März 2020. Seit ich daheim bin, hab ich nicht ein einziges Mal meinen Wecker gestellt. Warum auch, spätestens um 08.00 Uhr bin ich wieder munter. Mein Handy erzählt mir jeden Morgen die gleichen Geschichten, Corona hier, Corona da. Ob Aktienindex, Statistiken oder Politiker, langsam mag ich dieses Wort nicht mehr hören oder lesen. Im Fernsehen sitzen sie jetzt bei Talkshows in 2m Mindestabstand oder machen Konferenzschaltungen. Manchmal denke ich „bloß gut, das ich daheim bin, mich alledem nicht gezwungen bin auszusetzen“.

Ich wurde schon des öfteren gefragt, was eigentlich kulinarisch gesehen mein persönlicher Geschmack wäre. Und gerade in diesen Zeiten erscheint mir mein Geschmack als der genau richtige. Ganz ehrlich, ich brauche privat weder Gänsestopfleber noch Trüffel, auch wenn ich gerne beruflich hin und wieder damit arbeite. Ich habe einen sehr simplen Geschmack: frisch. Einfache, möglichst regionale Produkte, weitestgehend auf Industrieware verzichten, fachgerecht und lecker zubereitet, mit ein wenig Charme auf dem Teller angerichtet. Das war’s. Und ich weiss, das auch frische Produkte durchaus 14 Tage bei entsprechender Lagerung ohne weiteres überleben können. Also mache ich mir um mein leibliches Wohl die geringsten Sorgen.

Freitag, der 20.März 2020. Seit heute bin ich offiziell beim AMS arbeitslos gemeldet. Und das in einer Branche, in der normalerweise händeringend nach qualifizierten Fachkräften gesucht wird. Manchmal frage ich mich, ob das was ich tue und zeige, vielleicht schon den einen oder anderen dazu inspiriert hat, den Beruf des Kochs zu ergreifen. Ich glaube, das wäre mein grösster Erfolg. Denn nichts brauchen wir in der Gastronomie mehr, als junge Menschen, die für diesen Beruf brennen. Ihr seht, auch ich lenke meinen Blick trotz all der widrigen Umstände derzeit, in Richtung Zukunft, lasse mir meinen Optimismus durch einen mikroskopisch kleinen Winzling nicht nehmen.

Fortsetzung folgt…

Chroniken: Tagebuch einer Quarantäne, Teil 4

Dienstag, der 17.März 2020, seit 07.40 Uhr wach. Ich habe das Gefühl in ein Loch gefallen zu sein, mir fehlt etwas. Nach dem übereilten Saisonende am Arlberg bin ich nun zuhause, in Reutte/Tirol. Eigentlich wollte ich gestern schon einkaufen gehen, meine Bestände auffüllen, für die während die Wintersaison noch lief, kein Bedarf war. Aber aus einer Laune heraus habe ich mich dazu entschieden, dies erst heute zu erledigen, ohne zu ahnen, das dies mein letzter Einkauf für die nächsten 14 Tage sein würde.

Auf den Strassen das mir bereits bekannte Bild. Es ist ruhig, sehr ruhig. Ich plane einen kleinen Umweg, fahre durch den verkehrsberuhigten Bereich, überall an den Geschäften Hinweise zum Schliessungsgrund, manche mit reichlich optimistisch anmutender Schliessungsdauer versehen. Man hat schnell reagiert in Tirol, jetzt. Ich setze meinen Weg in Richtung Supermarkt fort. Um genau zu sein, ich will heute 2 Supermärkte aufsuchen. Den einen auf Grund seiner Vielfalt an regionalen Produkten, den zweiten wohl eher aus Gewohnheit.

Wäre es ein „normaler“ Dienstag, ein Ferientag beispielsweise, an dem nur wenige Daheim gebliebene, nachmittags ihre täglichen Einkäufe erledigen, es hätte mit Sicherheit niemals dieses Gefühl der Beklommenheit bereits im ersten Markt von mir versucht Besitz zu ergreifen. Unheimliche Stille, Mundschutz, Latexhandschuhe, Mitarbeiter die wortlos neu eingetroffene Produkte in die Regale räumen, keine Hintergrundmusik. Sind hier alle zum sterben verurteilt??? Leute, auch wenn wir, allein schon durch Rücksicht auf unsere Mitmenschen, an bestimmte Verhaltensregeln halten müssen, brauche ich diese Totenstimmung nun wirklich nicht. Und erst recht nicht beim Einkaufen. Im Wagen nur das notwendigste, Rindfleisch, Mineralwasser, Faschiertes, frisches Obst und Gemüse, bezahle ich wie gewünscht bargeldlos und wechsle den Ort des Geschehens.

Zweiter Markt: das erste, an diesem Tag, mir bekannte Gesicht begrüßt mich lächelnd mit meinem Namen. Na also, geht doch. Der Markt ist um ein vielfaches besser besucht. Aber interessant zu sehen, wie Kunden andere Kunden mit einem Mindestabstand umkreisen um zum Objekt ihrer Begierde zu gelangen. Auch ich ertappe mich ein wenig bei diesem Verhalten. Erst später wird mir bewusst, das es dafür eh schon längst viel spät ist.

An der Kasse dann wieder der Aushang: bitte bargeldlos bezahlen. Ich frage die Kassiererin höflich, ob ich trotzdem mit Bargeld bezahle dürfe. Sie bejaht, klärt mich aber auch darüber auf, das das Virus am Münzgeld lang überleben könne. Und jetzt durchfährt es mich: Oberflächen, Produkte, Einkaufswagen, Bargeld, Zapfsäulen, Türklinken, Mitmenschen, nichts erscheint mir noch wirklich sicher zu sein. ich erinnere mich an die herzliche Verabschiedung von Kollegen und Patron am vergangenen Sonntag… ich bin verwundbar.

Auf der Fahrt nach Hause juckt es mich am Auge. Jetzt bloß nicht kratzen, blende es aus, warte bis du zuhause bist, Hände waschen, desinfizieren. Himmel, was war da bloß mit mir los? Ich ertappe mich dabei sogar die Türklinken meines Appartements nach dem Händewaschen zu desinfizieren, ja sogar nachdem ich meine Einkäufe versorgt habe, noch einmal die Hände zu waschen. War das jetzt Angst oder reine Vorsicht?

Am Abend habe ich Lust zu kochen! Hendl auslösen, Brüste und Keulen einfrieren, aus Karkassen, Wurzelgemüse und Gewürzen eine Hühnerbouillon ansetzen, Rindergulasch und Bolognese, alles läuft synchron. Ja, ich habe echt Lust zu kochen, vorzukochen. Eine Freundin hat mir noch Casarecce von Fabbri dagelassen, die beste Pasta, die ich kenne. Mit dem Kochen kommt auch gleichzeitig der Appetit.

Bei einem Glas Blaufränkisch und frisch gehobeltem Grana Padano (auf das Basilikumblatt verzichte ich heute, denn ich habe nicht für’s Foto gekocht, sondern nur für mich allein) checke ich meine Emails. Zwischen Werbung, Blödsinn, Rechnung und Junk find ich eine Mail von Thomas Eggler, meinem Patron vom Arlberghaus in Zürs, Anhang öffnen, lesen…

Ist das jetzt der Rotwein, oder das ungewohnt heisse Essen? Man mag es glauben oder nicht, mir wird warm, ich bekomme grippale Anzeichen. Ab ins Bad, Fieberthermometer, bestimmt schon seit 15 Jahren nicht mehr benutzt, mit Restbatterie noch betriebsbereit, bestätigt mir in Sekundenschnelle meine Hypochonderanfall! Ich habe kein Fieber, und auch keine grippalen Anzeichen. Nur den Schock beim Lesen der Mail.

Fortsetzung folgt…

Chroniken: Tagebuch einer Quarantäne, Teil 3

Es ist Montag, der 16.März 2020. Der Tag, an dem in Österreich alle Schigebiete offiziell Ihren Betrieb eingestellt haben. Ich erinnere mich an gestern, als ich mich noch am Arlberg befand. An das packen meines Gepäcks, spät am Abend, an eine nicht wirklich erholsame Nachtruhe, das Erwachen noch vor dem Wecker. War das Angst? Nein, nicht wirklich. Wohl eher eine innere Unruhe.

Alles war im Aufbruch. Walter versuchte seinen Dieselmotor zu starten, David, mein Juniorchef des Hauses und Sohn der Familie wickelte die ersten Übergaben der Lohnzettel und Bescheinigungen mit den Mitarbeitern ab, im Mitarbeiterraum halb angetrunkene Kaffeetassen, Wurst, Käse, Marmeladen und Butter standen noch bereit. Und meine Küche: sauber aber verlassen, still.

Es waren herzliche Verabschiedungen, sorglos, mit kräftig in die Arme nehmen, drücken, lachen, den besten Wünschen und einem gesunden Wiedersehen in der nächsten Wintersaison. Aber im Grunde hätten wir uns bereits zu diesem Zeitpunkt nicht einmal mehr die Hände reichen dürfen. Und doch taten wir es. Alles schien uns so vertraut, geborgen, sicher. Niemand wäre in diesem Moment auch nur ansatzweise auf die Idee gekommen, Böses zu erwarten.

Ich habe Markus, unseren Chefrezeptionisten noch, wie tags zuvor versprochen, zum Bahnhof nach Langen geführt. Und obwohl St.Anton zu diesem Zeitpunkt schon unter Quarantäne stand, die Ortsdurchfahrt aber offen sei, beschloss ich nicht durch den Arlbergtunnel zu fahren. Zu düster erschien mir die Vorstellung kilometerweit durch diese graue, triste Röhre gen Heimat zu fahren.

Am Ortseingang in St.Anton dann der erste Checkpoint: Polizei und Bundesheer hatten sich eingerichtet und kontrollierten jeden, der passieren wollte. Für mich ein Bild, dass ich eigentlich nur aus dem Fernsehen kenne. Aber das hier war Realität. „Grüß Gott, wo wollen Sie hin?“ so die Begrüßung des Soldaten. Ein Passierschein für eine Person, mit Uhrzeit und Nummertafel, und dann durfte ich passieren.

Die Bilder, die sich mir dann boten, werde ich wohl niemals vergessen. St.Anton, einer der wohl am besten besuchten Wintersportorte hier am Arlberg, war Menschenleer. Keine Gasse, keine Straße erweckte auch nur den Anschein von Leben. Ich musste laut vorheriger Anweisung meine Durchfahrt ohne Anhalten oder unnötigen Stop fortsetzen. Am Ortsausgang dann der zweite Checkpoint. Gleiches Bild, Polizei und Bundesheer, Atemschutzmasken, Kontrolle, gute Fahrt.

Fortsetzung folgt…

Chroniken: Tagebuch einer Quarantäne, Teil 1

Es ist Mittwoch, ein wunderschöner Frühsommertag, nur vereinzelt passieren PKW’s die sonst viel befahrene Ortsausfahrt in Richtung Deutschland. Unser Nachbarland liegt nur 10 Fahrminuten von hier entfernt und doch erscheint es einem in Zeiten wie diesen unerreichbar. Ich befinde mich derzeit so wie viele meiner Kollegen, Freunde, Geschäftspartner, Mitarbeiter und Dienstgeber in Quarantäne.

Ich habe Zeit, viel Zeit. Und ich beginne über die Geschehnisse der vergangenen Tage zu reflektieren. Von Anfang letzter Woche in der ich noch in Brot und Arbeit stand, und doch in leiser Vorahnung den Satz aussprach „ich gebe der Sache noch eine Woche, dann gehen hier die Lichter aus“, bis hin zu zeitnahen, persönlichen Geschehnissen.

Hier, das war zu diesem Zeitpunkt am Arlberg in Vorarlberg. Und irgendwie fühle ich mich in die 80iger Jahre zurück versetzt. In eine Zeit, in der eine unsichtbare Gefahr ganz Europa in Atem hielt, verursacht durch eine nukleare Katastrophe irgendwo in Russland. Damals bewahrten mich meine Eltern vor grösserem Schaden. Heute jedoch bin ich gezwungen für diesen Schutz in Eigenverantwortung zu sorgen, für mich, und für andere.

Ich war am Arlberg, arbeiten, in Zürs, in meiner langjährigen Dienststelle als die Meldungen sich immer mehr verdichteten. Der Virus ist da, so hieß es. Als Folge dieser Meldung schlossen wir in Eigenverantwortung umgehend unser à la Carte Restaurant, in der Hoffnung durch diese Maßnahme den Publikumsverkehr wirksam eindämmen zu können. Und dann überstürzten sich die Meldungen beinahe im Stundentakt bis hin zur Quarantäne ganzer Ortschaften und Täler. In Italien schossen die Infektionserkrankungen und Todeszahlen in immer höhere Dimensionen.

In Folge dieser dramatischen Entwicklung stand dann die Entscheidung meines Dienstherren fest: Wir schliessen! Eine Entscheidung, die chronologisch gesehen, noch weit vor jeglicher behördlicher Anordnung getroffen wurde. Und dann am vergangenen Donnerstag, es war schon nach 23.00 Uhr sendete mir ein guter Freund per WhatsApp die amtliche Bestätigung, das die Saison vorbei war. Das Land Vorarlberg schloss sich der Vorgehensweise Tirols an und beendete mit Wirkung zum Sonntag die Wintersaison im gesamten Ländle.

Offizielles Schreiben der Landesregierung Vorarlberg

Meine leise Vorahnung von Anfang der Woche wurde nun schwarz auf weiß von offizieller Seite her bestätigt. Aber damit nicht genug. Es ging zudem noch das Gerücht umher, das in der Folge dieser Maßnahme, der gesamte Arlberg unter Quarantäne gestellt werden soll.

Fortsetzung folgt…

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