Chroniken: Tagebuch einer Quarantäne, Teil 7

Ich hab die Sommerzeit verpennt. Man glaubt es kaum aber meine, in der unfreiwillig aber konsequent durchgehaltenen Quarantäne, freiwillig gewählte, zeitweilige Abstinenz von Fernsehen, Rundfunk und soziale Netzwerken hat tatsächlich Konsequenzen nach sich gezogen. Nicht das es mich ernsthaft besorgt hätte, aber es war schon ein seltsames Gefühl am Sonntag nicht gerade „up to Date“ zu sein.

Langsam beginne ich zu realisieren, die Uhren gehen anders, auch meine eigene, innere Uhr. Ich löse mich ab von den starr eingefahren Abläufen. Wer sagt mir in Zeiten wie diesen, wann ich aufzustehen habe, wann zu frühstücken, wann es ist Zeit zu arbeiten, wann zu kochen, produzieren, fotografieren, wann sich schlafen zu legen?

Heute, Montag, war der erste Tag seit dieser Isolation, in der ich begann meinen eigenen, ganz individuellen Rhythmus zu finden. Ein Rhythmus, der mich motiviert, der mich „schaffen“ lässt. Nichts spektakuläres, umwerfendes, ganz einfach nur wieder die Lust weckt an dem was ich kann, was ich will. Mich interessieren nicht temporäre, finanzielle Defizite, Schwarzmalerei, Unvernunft, oder gar Todessehnsucht wie bei manchen Zeitgenossen. Ich habe, bedingt durch das vorzeitige Saisonende in der Position eines Küchenchefs, etwas weniger als 4000.- Euro verloren, eine Geschäftsbeziehung entschuldigte sich zudem, das Sie Ihren Auftrag von 2000.- Euro stornieren müsse, was Ihr eh schon peinlich genug war. Und jetzt?

Ribeyesteak, Schwammerl, Speck und Rösterdäpfel

Heut geh ich einkaufen. Und ich gehe auch wieder einkaufen um produzieren zu können, nicht nur um Grundbedürfnisse zu stillen. Von einem zum anderen Geschäft bin ich unterwegs, bis ich genau die Produkte in der Qualität und Herkunft gefunden habe, die ich haben will für meine Arbeit. Ich bin hier bekannt, die Händler wissen das ich in meiner Wahl oft recht kritisch bin. Aber Sie wissen auch, das ich besonders bei Lebensmittel kein Sparfuchs bin. Und ich bin mir sicher, nur wer in Zeiten wie diesen positiv denkt, mit sich selber im Reinen ist, der wird auch bei der Auswahl seiner Lebensmittel weiterhin den Weg der Qualität beschreiten, vielleicht jetzt sogar noch bewusster als sonst üblich.

Eine liebgewonnene Freundin und Restaurantbesitzerin in Wien bietet jetzt auch ihre Signature Drinks ausser Haus an. Ich mag diese Kreativität ich bewundere sie sogar, die unsere Zeit in den Menschen weckt. Wäre es nicht schön, wenn diese Form der Dienstleistung nicht nur in Zeiten angeboten wird, in denen es uns nicht so gut geht? Wäre es nicht eine Bereicherung für uns alle, wieder mehr und mehr auf die Wünsche und Bedürfnisse unserer Mitmenschen einzugehen, zu zuhören, anstatt uns tagtäglich Bedürfnisse einreden zu lassen, die wir in Wirklichkeit gar nicht haben? Vielleicht wäre es ja mal in Zeiten wie diesen einen Gedanken wert, jegliche Werbung in allen Medien auszusetzen. Dann würden wir uns vielleicht auf das besinnen, was wirklich wichtig und menschlich ist…

Mit freundlicher Genehmigung von meiner liebgewonenen Freundin in Wien, Nadine, vom Restaurant Split in Wien: Ausserhaus Signature Drinks

Ich bin noch nicht wirklich sicher, ob ich diese Serie „Tagebuch einer Quarantäne“ weiterführe, oder zum „Alltag“ zurückkehren soll. Diese Krise hat viele Missstände offen gelegt, uns die weitreichenden Folgen der Globalisierung schmerzhaft vor Augen geführt, den Ruf nach Regionalität immer lauter werden lassen. Nicht nur die Regionalität im Bereich der Lebensmittel, auch in der Produktion der alltäglichsten Güter. Diese Krise wird uns noch viel mehr Geld kosten, als wir es bis dato abschätzen können, aber vielleicht, wer weiß, sind wir alle nach dieser Krise ein klein wenig unabhängiger und selbstständiger…

Chroniken: Tagebuch einer Quarantäne, Teil 2

Rückblick: Es ist Freitag. Freitag, der 13.März 2020 und ich bin in Zürs am Arlberg im Hotel Arlberghaus. Es ist 08.00 Uhr. Aufstehen ist angesagt, um 09.00 Uhr ist Dienstbeginn in der Küche, um 09.30 Uhr ein ausserordentliches Abteilungsleiter Meeting und um 11.00 Uhr dann Meeting mit allen Mitarbeitern und Patron im Restaurant. Spätestens jetzt wird sich auch jetzt das letzte sorglose Gemüt des Hauses der Lage bewusst: Covid-19 ist allgegenwärtig.

Das Abteilungsleiter Meeting wird kurz und knackig. Man spürt, das man nichts genaues weiss, sich aber dennoch bewusst ist, so schnell als möglich zu handeln. Handeln heisst zu diesem Zeitpunkt noch „geordneter Rückzug“. Für die Küche bedeutet dies, den Saisonputz zu starten mit all dem was nicht mehr für einen reibungslosen Ablauf unbedingt benötigt wird, Lebensmittel fachgerecht zu versorgen, und für die Dauer des Putzens Mitarbeiteressen in ausreichender Menge bereit zu stellen. Die Dauer eines solchen Saisonputzes beläuft sich im Hotel Arlberg im Normalfall auf 2 bis 3 Tage maximal.

Zwischenzeitlich mehrer Gespräche mit dem Patron geführt, auch was die Rückführung unserer Mitarbeiter aus dem Ausland anbelangt. Alles scheint seinen gewohnten Gang zu gehen, auch wenn weitaus mehr Lebensmittel an diesem Saisonende noch zu verarbeiten sind, als es normalerweise der Fall ist. Vorausschauende Lieferanten haben freundlicherweise tags zuvor oder am Freitag angerufen, ob sie die bestellte Ware überhaupt noch liefern sollen. Nein, es wurde alles storniert. Und jeder zeigte sich hierfür verständnisvoll.

Dann ein vertrauliches Gespräch mit meinem Patron: ich soll bitte Sorge dafür tragen, das wir am Samstag, spätestens Sonntagmorgen mit dem Saisonputz fertig sind und alle Lebensmittel versorgt sind. Ich kann zu diesem Zeitpunkt nur erahnen, welche Sorgen meinen Patron bedrücken und welche Informationen er bereits besitzt. Fakt scheint jedoch zu sein, das Zeitfenster für den bisher geplanten „geordneten Rückzug“ wird von Stunde zu Stunde kleiner.

Die Wahrscheinlichkeit, das nun auch der gesamte Arlberg unter Quarantäne gestellt wird, wird von Minute zu Minute wahrscheinlicher. Ich spreche ihm gegenüber meine Vermutung aus, und er verneint sie nicht. Wieder zurück in der bereits einer Baustelle gleichenden Küche suche ich das Gespräch mit meinen Mitarbeitern. Interessanterweise reagieren alle sehr besonnen und ruhig auf die Neuigkeiten und lassen keinen Zweifel daran, dass sie, meinen Worten folgend, auch bereit sind bis in die Nacht hinein zu arbeiten, um eine Abreise am Sonntag zu ermöglichen.

Samstag, den 14.März 2020: Zu diese Zeitpunkt haben wir noch 4 Gäste im Haus. Alle anderen sind bereits abgereist. Mit ein wenig Geschick gelingt es, auch diese noch davon zu überzeugen, das es besser wäre jetzt den Heimweg anzutreten. Somit ist die Küche frei, kein Abendessen und kein Frühstück mehr. Wir können durchstarten. Und auch wenn es noch am Vormittag geheißen hat, man soll nur das unbedingt notwendige putzen um möglichst schnell fertig zu werden, so habe ich doch eher den Eindruck, das sich wirklich jeder größtmögliche Mühe gibt, den Arbeitsplatz ordentlich und sauber zu verlassen.

Ein Saisonputz ist eine aufwendige Angelegenheit. Dies kann bis zum zerlegen mancher Geräte gehen um sie wirklich von allem restlos zu befreien, was sich im Laufe einer Saison angesammelt hat. Und Backöfen, Herd, Kombidämpfer, Hold-O-Maten, Tellerrechauds, Dunstabzugshaube, Kühlhäuser, Pizzaöfen, Tiefkühler, Magazin, Vakuumgerät, Mikrowelle, Geschirr und Silber an einem Tag komplett zu bewerkstelligen ist unter normalen Umständen gelinde gesagt ein „Ding der Unmöglichkeit“.

Es ist 20.30 Uhr, und es ist alles sauber, die Lebensmittel sind versorgt und obwohl eine schwere Last von einem abgefallen ist, herrscht doch eine bedrückende Stille. Die bereits Wochen zuvor organisierte Magnumflasche Champagner, welche als Dank für die tolle Saison angedacht, bleibt ungeöffnet im Kühlhaus. Es gibt keinen Grund zur Freude, nur eine Art Befriedigung, das man es geschafft hat, und alle morgen pünktlich abreisen können. Ich bin in meinem Zimmer und verspüre den Wunsch mein Auto bereits heute Nacht schon zu beladen um morgen früh sofort starten zu können. Ich muss Platz lassen in meinem Auto, denn ich habe unserem Rezeptionisten versprochen ihn zum Bahnhof nach Langen zu führen. Er will nach Wien, seiner Heimatstadt. Und seit Tagen plagen ihn Ängste, das Wien geschlossen wird. Gerüchte sind dieser Tage vieler im Umlauf…zu viele…

Fortsetzung folgt….

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